Vor Hamburger Stadtderby: Derbyaufrufe, Öffentlichkeitsfahndung & gegen Gegner stachelnder Profi

Am morgigen Sonntag ist es soweit. Erstmals seit der Saison 2010/11 kommt es wieder zu einem Pflichtspiel-Derby zwischen dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli. Das Hamburger Stadtderby wirft bereits seit Wochen seine Schatten voraus und so kam es in der Freien- und Hansestadt zu diversen Vorkommnissen zwischen beiden Fanlagern. Unter anderem stürmte eine knapp dreistellige Zahl an HSV-Ultras am Abend des besiegelten Abstiegs ins »Viertel« und läuteten damit die Derbysaison ein.

Im April planten dann »Ultra’ Sankt Pauli« eine Party für die gesamte Fanszene, die im Menschenzoo, einer Lokalität unweit der Reeperbahn, stattfinden sollte. HSV-Fans sahen in der Auswahl der Location offenbar eine große Provokation, da sich diese auf der Südseite der Reeperbahn und damit auf eigentlich fest abgestecktem blau-weiß-schwarzem Boden befindet. Ultras des Hamburger SV konterten, machten vereinzelt Jagd auf Partybesucher und blockierten die Eingänge der Kneipe früh, so dass die Polizei anrückte und die Veranstalter die Party absagen mussten. In den weiteren Tagen und Wochen kam es immer wieder zu Spaziergängen durchs Viertel, mit denen motivierte HSV-Fans Ausschau nach Sankt-Pauli-Anhängern machten. Bei einem solchen Spaziergang kam es Anfang September zu Festnahmen und Gruppen beider Lager verpassten sich in der gleichen Straße um nur eine halbe Stunde (Beitrag mit Videos dazu hier).

Während die Wochenenden zum Teil zum großen Schaulaufen zum Zeigen von Präsenz genutzt wurden, kam es unter der Woche zu diversen kleineren Vorfällen, die nur teilweise oder teils auch gar keine mediale Aufmerksamkeit nach sich zogen. Für größere Aufmerksamkeit sorgte hingegen ein Angriff von rund 25 motivierten Fans des FC St. Pauli, die Choreoarbeiten von HSV-Ultras überfielen und nur noch sechs in der Turnhalle befindliche Fans körperlich angegriffen haben sollen. Außerdem sollen Teile der Derby-Choreografie stark beschädigt worden sein (Beitrag dazu hier). Infolgedessen kam es zu einem erneuten Spaziergang über den Kiez und Hooligans des Hamburger SV bemühten sich weiterhin um ein großes abgemachtes Match, bei dem man anbot freiwillig mit nur 50 gegen 100 FCSP-Fans antreten zu wollen (Beitrag dazu hier).

Nun ist es nur noch einen Tag hin bis zum großen und langersehnten Hamburger Stadtderby, für das beide Fanszenen mobil machen. Die Ultras des FC St. Pauli rufen mit dem Millerntor-Stadion um 9 Uhr bzw. dem S-Bahnhof Bahrenfeld um 10:30 Uhr zwei miteinander verknüpfte Treffpunkte aus. In dem Aufruf von Ultra’ Sankt Pauli heißt es unter anderem: »Es treffen zwei Teams aufeinander und damit prallen auch Welten aufeinander, die grundverschieden sind. Dabei sind wir der Verein, der weltbekannt ist, und das nicht wegen der sportlichen Erfolge. Der Verein, der aus dem Herzen der Stadt kommt und in dieser tief verwurzelt ist. Der Verein, der weiß, woher er kommt, seinen Kern kennt und diesen bewahrt.« Von dem Treffpunkt in Bahrenfeld aus möchte man dann »zu Fuß zu dem Stadion [gehen], das seinen Namen so regelmäßig wechselt wie der Sugardaddy Kühne seine Meinung« und dort die Hütte abreißen.

Die HSV-Ultras der Nordtribüne Hamburg stimmen sich laut einem Flyer bereits heute auf das Derby ein und rufen zum Besuch des Abschlusstrainings am Volksparkstadion auf. Außerdem wird sich in den Lokalen rund um den Hans-Albert-Platz an der Reeperbahn auf das Derby eingestimmt, womit man zeigen möchte, dass sich der Kiez fest in schwarz-weiß-blauer Hand befindet. Ein Treffpunkt für den morgigen Spieltag wurde hingegen nicht veröffentlicht.  Stattdessen bittet man die Straßen gesperrt zu halten, da es sich bei diesen um eine Laufstrecke für »Ultra’ Sankt Pauli« und Co. handeln wird, so eine Grafik von aktiven HSV-Fans.

Das große Stadtderby elektrisiert in der Freien- und Hansestadt Hamburg nicht nur die Anhänger beider Vereine, auch einigen Spielern dürfte der Stellenwert des Duells bewusst sein. Der 18-jährige Jungprofi Fiete Arp vom Hamburger SV scheint besonders motiviert und änderte sein Profilfoto seiner Instagram-Seite kürzlich in ein »FUCK FCSP«-Foto um. Auf diesem war ein entsprechender Doppelhalter der Ultràszene zu sehen, der die Abneigung gegenüber dem Kiezklub verdeutlicht. Der in Schleswig-Holstein geborene Arp spielt seit 2010 beim Hamburger SV und schaffte es über die Nachwuchsabteilung in den Profikader der Rothosen. HSV-Trainer Titz schien in der Profilfoto-Änderung keinen großen Skandal zu sehen, fügte aber in einer Bemerkung dazu an, dass Fiete Arp damit ein Stück zu weit gegangen sei und man auf ein friedvolles Derby hoffe.

An einem solchen scheint auch die Polizei Hamburg interessiert, wenngleich diese dafür zu Maßnahmen greift, die es absolut kritisch zu hinterfragen gilt. Unmittelbar vor dem morgigen Derby veröffentlichte die Polizei Hamburg nun Fotos von 17 Fans des Hamburger SV, denen eine direkte Beteiligung bei den Pyro-Vorfällen beim letzten Spiel der vergangenen Bundesliga-Saison vorgeworfen wird (Beitrag dazu hier). Bei diesem hatten Ultras im mittleren Bereich der Nordtribüne massiv Pyrotechnik gezündet, woraufhin das Spiel für einige Minuten unterbrochen wurde. Zwar wurde es anschließend wieder angepfiffen – der erste Abstieg in der Geschichte des HSV war damit aber dennoch bereits besiegelt. Eine Veröffentlichung der Fahndungsfotos unterstützen wir nicht und appellieren an dieser Stelle ganz klar auf die Unschuldsvermutung der an den Pranger gestellten Personen. Überdies wirft diese rechtlich grenzwertige Methode auch Fragen bezüglich der Arbeit der jeweiligen szenekundigen Beamten auf, deren Arbeit von den Behörden stets gerechtfertigt wird. Weshalb diese trotz der so oft proklamierter Überstunden sowie Einblicken und Kontrollen innerhalb der Ultràszene aber ausgerechnet in diesem Fall keinerlei Kenntnis von den mutmaßlich sehr aktiven Fans besitzen, ist nicht nachzuvollziehen. Insgesamt werden am morgigen Sonntag rund 1.500 Polizeikräfte im Einsatz sein.

Fotos: Matthias Scharf | Kurvennews am 29.09.2018

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