Reeperbahn-Angriff, Derbymarsch, Choreos & Spielunterbrechungen wegen Pyro

Gestern Abend gingen wir in einem ausführlichen Vorbericht zum Hamburger Stadtderby auf die verschiedenen Aktionen beider Fanlager ein (Beitrag dazu hier). Unter anderem waren Fans des FC St. Pauli mit der Farbdose aktiv, worunter unter anderem ein bekannter Findling am Elbstrand und der ein oder andere Zug glauben musste. Am Freitagabend sammelten sich außerdem zwei große Haufen auf beiden Seiten, die jedoch vor einem möglichen Aufeinandertreffen von der Polizei entdeckt wurden.

Am gestrigen Samstagabend versammelte sich die Ultràszene des Hamburger SV im Sportpub Tankstelle ubd rund um den Hans-Albert-Platz auf der Südseite der Reeperbahn. Ultras und Sportliche des FC St. Pauli hielten sich hingegen auf ihrer Nordseite auf und die Polizei war mit einigen Einsatzkräften entlang der Reeperbahn präsent. Am späten Abend ergriffen dann vorwiegend Sportliche und auch motivierte Ultras des Kiezklubs die Initiative und machten sich vermummt mit roten Tüchern auf den Weg in Richtung Hans-Albert-Platz. Die Polizei rechnete zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht (mehr) mit einem gezielten Angriff, weshalb die Beamten nicht ganz auf Zack waren, aber dann letztlich dennoch ein Übertreten der imaginären Grenze verhindern konnten. Zu einem direkten Kontakt zwischen der hohen zweistelligen Zahl an Ultras und Sportlichen der Braun-Weißen mit der Szene des Hamburger SV kam es somit gestern Abend nicht.

Letztere traf sich am heutigen Sonntagmorgen um 9 Uhr auf der Mporweide am Bahnhof Dammtor und marschierte rund eine Stunde in Richtung Millerntorstadion. Zunächst mit schätzungsweise etwas mehr als 2.000 HSV-Anhängern los marschiert, gewann der große Corteo hinter der »Nordtribüne Hamburg« Fahne mit jedem gelaufenen Meter an weiteren Fans, so dass schlussendlich 3.000 Schwarz-Weiß-Blaue am Derbymarsch teilnahmen. Dieser stand zwischenzeitlich auf der Kippe, da die Polizei ihre angekündigte »Null-Toleranz-Schiene« wahrmachte und deutlich zu verstehen gab, dass der Marsch bei weiterem Abbrennen von Pyrotechnik aufgelöst werden würde. Die Capos sollen deshalb auf den großen Mob eingewirkt haben, so dass es weiter geschlossen in Richtung Millerntorstadion gehen konnte.

Zum Einlaufen beider Mannschaften präsentierten die Gastgeber dann große und mehrteilige Choreografien auf Gegengerade und in der Südkurve. Während auf der Gegengerade zunächst eine große »Hamburg ist Braun-Weiß« Blockfahne hochgezogen wurde, die dann durch braune und weiße Fähnchen und einer Klublogo-Blockfahne ersetzt wurde, zog man in der Südkurve eine große schwarze Blockfahne mit braun-weißem Streifen auf. Über dieser wurde dann passend zum Motto »Sankt Pauli – Vom Wahnsinn besessen« eine weitere Blockfahne gezogen, auf der auf schwarzem Hintergrund eine düstere Gestalt abgebildet wurde. Anschließend wurde diese von braun-weiß-braunen Fahnen eingerahmt.



Im Gästeblock griffen die Fans des Hamburger SV – wohl auch aufgrund von diversen Materialeinschränkungen im Vorfeld – auf kleine blau-schwarze Fähnchen zurück, auf denen jeweils Raute bzw. Stadtwappen auf Vorder- bzw. Rückseite gedruckt waren. Hinzu kam ein »Unsere Stadt und ihr Verein« Banner, was an und für sich sicherlich passend für ein Derby war – die Choreo insgesamt dann für ein Derby doch ausbaufähig rüberkam. Wesentlich besser gestaltete sich dann die Stimmung im Gästeblock, in dem später einige helle Bengalische Fackeln mitsamt weißem und blauem Rauch gezündet wurden. Der Schiedsrichter ermahnte an dieser Stelle die Fans, was über den Mannschaftskapitän der Rothosen in die Gästekurve getragen wurde.

In der zweiten Halbzeit griffen dann auch die Ultras des FC St. Pauli auf Bengalische Fackeln zurück, die entlang des Zauns und auf den Stufen dahinter in der Südkurve abgebrannt wurden. Ebenso wie die Pyroshow auf Seiten der Gäste machte diese Einlage einiges her, was von vielen weiteren FCSP-Anhängern jedoch beim anschließend weiteren Abbrennen weiterer Fackeln mit negativen Gesängen quittiert wurde. Grund hierfür war die Spielunterbrechung von fünf Minuten durch Schiedsrichter Dr. Felix Brych, der das Geschehen auf den Rängen als sehr nah an der Grenze betrachtete und die Mannschaften in die Kabine schickte. Eine weitere kurze Spielunterbrechung erfolgte in der Nachspielzeit. Äußerst verwunderlich waren die Gesänge aufgrund der sonst doch sehr öffentlichkeitswirksam gelebten, offenbar nur beschränkt akzeptierten, Fankultur auf Sankt Pauli. Zuvor spielten die aktiven Fans des FC St. Pauli noch mit einer »Runaways« Fahne auf vermeintliche Rennereien in der Freien- und Hansestadt an. Die Fahne war nicht nur von der Aufschrift, sondern auch von der Optik an die Zaunfahne der »Castaways« vom HSV angelehnt. Außerdem wurden noch mehrere geklaute schwarz-weiß-blaue Materialien in der Südkurve präsentiert, was zu großem Unmut innerhalb der eigenen Anhängerschaft sorgte, da man dies »Mackertum« auf Sankt Pauli bislang »nicht nötig hatte«, so der Tenor einiger Fans des Kiezklubs.

Zu einem Spielabbruch kam es letztlich nicht und das Hamburger Stadtderby wurde mit etwas Verzögerung über die Bühne gebracht. Die Fans des Hamburger SV feierten sich aufgrund des eindeutigen 4:0 Derbysiegs noch lautstark als »die Nummer 1 der Stadt«, ehe der Derbytag ein alles in allem friedliches Ende fand. Bis auf einzelne Ermahnungen, unbedeutende, wenige Festnahmen, Ärger wegen einiger gefälschter Tickets und einen Versuch von HSV-Fans eine Ordnerkette am Gästeeingang zu überrennen, soll es bei dem unterm Strich friedlichen Derby zu keinen nenneswerten Zwischenfällen gekommen sein.

Video zum Auflauf von motivierten FC St. Pauli Fans am Vorabend:

https://www.instagram.com/germanultrashools/p/Bu1dhI8FAOO/?utm_source=ig_share_sheet&igshid=w4kocna2m2s

Fotos: hsv-ev.de Matthias Scharf, Kurvennews, Jurgen Vantomme, Florian P. | Kurvennews am 10.03.2019


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