Polizei will nach umstrittenen Derby-Vorfällen keine Fanmärsche mehr dulden

Mitte Dezember des vergangenen Jahres kam es in der österreichischen Hauptstadt zum 328. Wiener Derby zwischen dem FK Austria und dem SK Rapid. Ausgetragen wurde das prestigeträchtige Duell, bei dem die FAK-Fanszene einen starken Auftritt mitsamt Choreografie, Pyro und gezogenem Material in der Ostkurve hinlegte, im Franz-Horr-Stadion in Wien-Favoriten.

Zur modernisierten Arena des FK Austria Wien machten sich über 1.300 Rapid-Fans per Fuß auf den Weg und die Ultraszene der Hütteldorfer wusste mit einer feurigen Untermalung des Corteos zu gefallen. Kurz vor Erreichen des Franz-Horr-Stadions im Wiener Bezirk Favoriten kam es dann zu einem kurzen Zwischenfall, der die Polizei zu einer drastischen und äußerst umstrittenen Maßnahme veranlasste. Beim Überqueren der Südost-Tangente – dem meistbefahrensten Autobahnabschnitt in Österreich – warfen einzelne Rapid-Anhänger Schneebälle von der Brücke auf die Fahrbahn. Dies geht aus veröffentlichten Videoaufnahmen von einem Polizeihubschrauber hervor, der die naive und angesichts der daraus resultierenden möglichen Gefahr für alle Autofahrer dummen Aktion festhielt.

Deutlich eher zu kritisieren ist hingegen die anschließende Reaktion der Polizei, die nicht versuchte einzelne Schneeball-Weitwerfer aus dem Marsch herauszuziehen sondern pauschal alle am Fanmarsch beteiligten Rapid-Fans in unmittelbarer Nähe des Stadions in einem Polizeikessel festsetzte. Dabei handelte es sich wie bereits erwähnt nicht um ein paar Dutzend Ultras sondern um stolze 1.338 Menschen, die aufgrund der Aktion Einzelner bis zu sieben Stunden lang bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt im Freien ausharren mussten. In Zuge dessen versuchte die Polizei nach und nach die Personalien aller 1.338 Personen aufzunehmen, denen jegliche Versorgung wie Essen und Trinken oder auch der Gang zur Toilette verwehrt wurde. Die »Rechtshilfe Rapid« vermutet hinter der Festsetzung angesichts des polizeilichen Verhaltens, mehrfach korrigierten Stellungnahmen und kaum vorhandenen Gründen für eine solch »menschenunwürdige« Maßnahme eine geplante Aktion der Polizei, durch die alle am Marsch Beteiligten das Derby verpassten.

Nicht nur bei den Fans sorgte diese grenzüberschreitende Maßnahme für großen Unmut – auch die Führung des SK Rapid kritisierte die Polizeiführung deutlich, die alle 1.300 Rapid-Fans unter Generalverdacht stellte und diesen ohne Rechte und Würde entgegnete. Selbst diverse Medien, die sonst eher das einseitige Bild des Fußballverbrechers projezieren, hinterfragten den Einsatz kritisch, der in allen Belangen unverhältnismäßig und menschenunwürdig erschien.

Nach diversen Gesprächen zwischen Politikern, dem SK Rapid und dem Chef der Wiener Polizei kehrte diese nicht von der eigenen Darstellung ab und stellte noch einmal klar, dass es sich um einen notwendigen und zu rechtfertigenden Einsatz gehandelt habe. Anstatt das eigene, auf große Kritik stoßende Einsatzverhalten,zu hinterfragen, geht Polizeipräsident Gerhard Pürstl in die Offensive und kündigt aufgrund der umstrittenen Vorfälle an künftig keine Fanmärsche mehr genehmigen zu wollen.

Eine interessante Reaktion auf das eigene Fehlverhalten, die selbst bei Rapid-Rivale FK Austria auf Unverständnis stößt. Nicht nur aufgrund der Tatsache, das Fanmärsche bislang als die polizeilich wohl am besten zu koordinierende Anreisemöglichkeit galten, sondern auch, da der FAK offenbar Mitschuld an den Vorfällen vor Beginn des 328. Wiener Derbys tragen soll. So wird die Überquerung der Südost-Tangente als Weg zum Gästebereich von Seiten der Polizei in Frage gestellt und die Wiener Austria solle trotz des einzigen und wohl einmaligen Vorfalls das eigene bis dato bewährte Sicherheitskonzept überarbeiten.

Inwieweit sich die polizeiliche Ankündigung – Fanmärsche in Wien künftig nicht mehr zu genehmigen – durchsetzen lässt, gilt es zunächst abzuwarten. Hilfreich wäre im Zuge dessen gerade für die Polizeibehörde reflektiert und kritisch mit den eigens angewandten Maßnahmen umzugehen und so Rückschlüsse aus dem vergangenen Derby für zukünftige Risikospiele zu ziehen. Fußballfans im Allgemeinen zu kriminalisieren und von dem eigenen Unvermögen mit drastischen und populistischen Ankündigungen abzulenken kann indes nicht das geeignete Ziel sein.

 

Fotos: Unterwegs in Sachen Fussball, tornadosrapid.at | Kurvennews am 13.01.2018

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