[Magazin] Vatertag 1999: Schlacht am Bieberer Berg

Bis heute gelten die Auseinandersetzungen rund um die Partie der Offenbacher Kickers gegen Waldhof Mannheim am Vatertag 1999 als eine der schwersten Krawalle, die es je bei einem Fußballspiel in der Bundesrepublik Deutschland gegeben hatte.

An Christi Himmelfahrt am 13. Mai 1999 trafen die Offenbacher Kickers kurz vor Saisonende der drittklassigen Regionalliga Süd auf den SV Waldhof Mannheim auf dem heimischen Bieberer Berg. Das zu diesem Zeitpunkt noch ebenso nostalgische wie sichtbar in die Jahre gekommene Stadion war restlos ausverkauft, was vor allem an der sportlichen Bedeutung des Spiels gelegen hatte. So kämpften beide Vereine kurz vor Saisonende als direkte Konkurrenten um den Aufstieg in die 2. Bundesliga, den letztlich beide Traditionsklubs als Tabellenerster bzw. der OFC über die Relegation schafften.

Ebenso mitein spielte der bundesweite Feiertag, der nicht nur erlebnisorientierte Anhänger beider Vereine, sondern darüber hinaus auch zahlreiche Schlachtenbummler aus ganz Deutschland anlockte. Diese sorgten schon weit vor Anpfiff der Partie für größere Ausschreitungen rund um das Stadion am Bieberer Berg, bei denen sich bereits früh abzeichnete, dass die knapp 500 eingesetzten Polizeikräfte kaum Herr der Lage wurden. So empfingen motivierte Offenbacher und Freunde den verhassten Rivalen aus Mannheim bereits am Bahnhof, ehe sich körperliche Auseinandersetzungen ebenso wie das Austauschen von Pflastersteinen und anderen Gegenständen über den gesamten Tag hinweg fortsetzen sollte. Steine, Glasflaschen, auch von Dartpfeilen sprach man noch Jahre danach, die von beiden Seiten hin und her geworfen wurden.

Im Stadion setzten sich die Krawalle, die aufgrund der neuen Dimension in die Geschichte eingingen, fort. OFC-Fans standesgemäß mit brennenden Fackeln auf der Gegentribüne, die damals noch niemanden groß jucken sollten und von den Medien fast ausschließlich als stimmungsfördernd angesehen wurden. Die Waldhöfer hingegen mit üblicher Pöbelei im Gästeblock, die den damaligen Ruf der hartgesotteten Barackler bestärkte, wobei sich beide Lager diesbezüglich kaum etwas schenkten und letztlich der Funke auf beiden Seiten zündete. Jener Funke spiegelte sich in reichlich Bewegung in beiden Blöcken wieder, die jeweils versuchten an die Gegenseite heranzukommen. Die anfangs noch bestehende große Distanz zwischen Offenbachern und Mannheimern wurde mit geworfenen Holzbalken überbrückt, die zuvor kurzerhand aus den alten Rängen herausgerissen wurden. Der Wurf eines Gegenstandes auf den OFC-Torhüter, der dadurch im Strafraum zu Boden ging, ging inmitten der gesamten Geschehnisse fast schon bedeutungslos unter.

Wie schon vor dem Spiel auf dem Weg zum alten Stadion auf dem Bieberer Berg, hatte die Polizei auch im Inneren große Probleme die aufgebrachten Anhänger unter Kontrolle zu bringen, deren Spaß nach dem Spiel erst so richtig Fahrt aufnahm. Den Gästesektor mit einer Blocksperre belegt, versuchte die Polizei so für Entspannung zu sorgen und beide Fanlager zu trennen. Für die motivierten Schlachtenbummler in Rot und Weiß bot sich dadurch die Möglichkeit, sich im dichten Terrain rund um das Stadion entsprechend zu positionieren und die etwas später abreisenden Gästefans erneut mit Flaschen, Steinen und anderen Gegenständen unter Beschuss zu nehmen. Blau-Schwarz reagierte, war sich für diverse Gegenangriffe nicht zu schade und trug selbst einen erheblichen Teil zu den später in den Medien kursierenden Beschreibungen von »bürgerkriegsähnlichen Zuständen« bei. Optisch untermalt werden konnten diese durch Foto- und Videoaufnahmen von der Straße zum Bieberer Berg, auf der man zwischen allerhand zerstörter Autos, brennenden Mülltonnen und mit der Staatsmacht kämpfenden Fußballfans schnell den Überblick auf dem Schlachtfeld verlieren konnte.

Wie bereits angeschnitten musste die Polizei den gesamten Tag über dran glauben und neben demolierten Einsatzfahrzeugen sowie diversen Auseinandersetzungen, wurden nach dem Spiel auch zwei Polizisten aus ihrem Einsatzfahrzeug gezerrt, woraufhin einer der beiden die Dienstwaffe zog und einen Warnschuss abgab. Unter dem Strich ging der Tag unter anderem aufgrund über 100 verletzter Personen, darunter auch einige Cops, in die Geschichte der schwersten Fußballkrawalle ein. Bis heute können zahlreiche einst anwesende Schlachtenbummler über den Vatertag 1999 nur schmunzeln, an dem beide Seiten – mitunter auch auf Kosten anderer – voll und ganz auf ihre  persönlichen Kosten gekommen sind. Die Verbände planten im Anschluss daran im Übrigen keine derartigen Begegnungen mehr auf Christi Himmelfahrt zu terminieren. Wie der Spieltag verlaufen wäre, wenn die Begegnung wie ursprünglich angesetzt am Abend unter Flutlicht angepfiffen worden wäre, wollte man sich gar nicht erst ausmalen.

Alle Fotos: Josef Gruber (u.a. Bildband »Ultras Italien – passione e mentalità«) | Kurvennews am 30.05.2019

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