Fanszene Linden: Antifaschismus, Kreisliga & Traum von Europa

In den vergangenen Monaten rückte mit der Fanszene 1907 eine Gruppe an Fans in den Fokus der kurveninteressierten Öffentlichkeit, die sich seit mittlerweile fünf Jahren beim aktuellen Kreisligisten SV Linden 07 auslebt. Die Fans des kleinen Stadtteilklubs aus Hannover wussten im Frühsommer 2018 mit einer »Aufstieg des Guten«-Choreografie zu gefallen, mit der sie ein Pendant zu Fans von Energie Cottbus bildeten, die kurz zuvor noch den »Aufstieg des Bösen« mit Ku-Klux-Klan Kapuzen feierten. Knapp ein halbes Jahr später rückte die antirassistisch auftretende Fanszene 1907 erneut in den überregionalen Fokus. Dieses Mal, weil sich die Ultràszene von Hannover 96 in einem Kurvenflyer auf die Fanszene des SV Linden 07 bezog, der eine Verstrickung zur mittlerweile aufgelösten »Brigade Nord 99« und dem linken Spektrum der Stadt vorgeworfen wurde. Vorgeworfen deshalb, da es in der Vergangenheit zu Überfällen und Diffamierungen von Personen aus dem linken Spektrum sowie Ultras und Hooligans von Hannover 96 gekommen sein soll. In Zuge dessen wurden zunächst mehrere Mitglieder der »Brigade Nord 99« aus dem Stimmungskern des Niedersachsenstadions geworfen, ehe es vor wenigen Monaten zum politisch bedingten großen Umbruch innerhalb der Hannoveraner Fanszene kam.

Wir sprachen mit der Fanszene 1907 und unterhielten uns dabei ohne tendenziöse Absichten über die Verwurzelung im eigenen Stadtbezirk, über Freundschaften des Kollektivs, über die Atmosphäre bei sonntäglichen Spielen in der Kreisliga, über das eigene politische Engagement und auch über den in der Stadt dominierenden großen Nachbarn Hannover 96 und dessen Ultras. Dabei herausgekommen sind interessante Eindrücke einer Szene, die ihre eigenen Weg gefunden und eingeschlagen hat und dabei sicherlich nicht nur auf Befürworter, sondern auch auf so manchen Widersacher stoßen dürfte. Sämtliche Fragen und Antworten des Interviews wurden unverändert und ungekürzt wiedergegeben. Viel Spaß beim Lesen!


Hallo nach Linden, ihr habt kürzlich euer funfjähriges Jubiläum gefeiert. Erzählt doch mal was über die Anfänge eurer Gruppe, die Struktur innerhalb der Fanszene 1907 und wie ihr beim SV Linden 07 gelandet seid.

Begonnen hat das Ganze mit einer Schnappsidee von fünf fußballinteressierten Menschen, die gerne Fußball gucken und dabei Bier trinken wollten. Nach dem ersten Besuch beim lokalen Amateurverein wuchs das Ganze mit der Zeit stetig an. Es wurden erste Zaunfahnen gemalt, eine Trommel besorgt und die ersten Fangesänge angestimmt. Wir verstehen uns als Zusammenhang und nicht als feste Gruppe. Das Ganze ist zwanglos, was natürlich auch mal bedeuten kann, dass wir nur zu fünft zu einem Auswärtsspiel fahren. Wir definieren uns außerdem nicht als „Ultras“, auch wenn wir viele Stilmittel dieser Subkultur nutzen. Wir haben zum Beispiel keinen Capo und versuchen den Zusammenhang möglichst frei von Hierachien zu halten. Wir sind generell offen für alle Menschen, die den Verein unterstützen wollen. Bevor wir vor 5 Jahren zum ersten mal am Lindener Berg auftauchten, gab es mit den Lindener Bergsupporters bereits einen kleinen Fanclub, der auch heute noch am Start ist.

Linden ist in Hannover als alternativer und pulsierender Stadtteil bekannt. Verliert doch mal ein paar Worte zur Besonderheit eures Stadtbezirks und inwiefern der SV Linden bzw. die Fanszene 1907 eben jene Eigenschaften widerspiegelt.

Linden ist (oder eher war) ein typischer Arbeiter*innen-Kiez mit einem hohen Anteil an Familien mit niedrigem Einkommen und Menschen mit Migrationshintergrund. Das Viertel bietet außerdem eine Vielzahl von kulturellen und subkulturellen Angeboten. Wie in vielen derartigen Viertel weltweit, sind die Bewohner*innen Lindens in den letzten Jahren stark von Gentrifizierung und steigenden Mieten betroffen. Ein Großteil von uns wohnt in Linden oder der angrenzenden Nordstadt.

Ihr tretet als Gruppe antifaschistisch auf und tragt Politik bewusst ins Stadion. Wie kam es zu dieser Entscheidung und was haltet ihr von der so oft zu hörenden Phrase Fußball solle Fußball und Politik solle Politik bleiben?

Fast alle Menschen in der Fanszene kommen aus politischen Zusammenhängen und kennen sich auch daher. Aus diesem Grund nutzen wir ganz bewusst auch den Fußball als Plattform für den Kampf gegen jegliche Form von Diskriminierung, aber auch andere, für uns wichtige, Themen. Die beschriebene Phrase ist in unseren Augen totaler Quatsch, da menschliches Handeln immer politisch ist. Auch Ultragruppen engagieren sich zum Beispiel vereinspolitisch oder sprechen sich gegen die Sicherheitspolitik aus. Diskriminierende Beleidigungen zum Beispiel sind genau so politische Handlungen wie der Kampf gegen Diskriminierung. Diese Phrase wird leider viel zu oft von rechten oder rechtsoffenen Fans und Fangruppen genutzt, um den politischen Gegner mundtod zu machen.

Nun dürfte die Kreisliga Hannover wohl nicht gerade den sportlichen Leckerbissen darstellen. Was genießt ihr an dem unterklassigen Amateurfußball und liegen wir mit der Vermutung richtig, dass es euch primär einfach nur um eine entspannte, noch weitgehend unkommerzialisierte Atmosphäre als um das Geschehen auf dem Rasen geht?

Flaschenbier im Block trinken ist halt einfach ne super Sache. Zu Beginn war das sportliche Interesse definitiv noch sehr gering, aber es ist bei den Meisten im Laufe der Jahre von 0 % auf 100 % gestiegen. Der sportliche Anreiz ist hier auch das Unberechenbare. Es kann gut und gerne mal passieren, dass in einer Halbzeit 10 Tore fallen und drei Spieler vom Platz gestellt werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir nahezu keine Reibungspunkte mit Bullen, Ordnern oder sonstigen Sicherheitskräften haben. Wenn wir Pyro zünden sprechen wir das häufig mit dem Schiedsrichter vorher ab und können so Strafen für den Verein umgehen. Auch günstige Eintrittspreise und kurze Anreisewege sind natürlich nicht zu verachten. Auf der anderen Seite würden wir natürlich gerne mal in Europa spielen. Im Ligabetrieb sind wir im Amateurbereich aber sehr zufrieden. Unter der Woche Europa Leauge und am Wochenden Kreisliga, das wäre der Traum. Außerdem haben wir einen engen Kontakt zur Mannschaft und auch zum Verein, welcher im Profi-Bereich überhaupt gar nicht möglich wäre.

Wie auf mehreren Fotos zu erkennen ist bewegen sich immer wieder mal Fans des 1.SC Göttingen 05 in euren Reihen. Sprecht ihr von einer Freundschaft nach Göttingen und gibt es weitere Kontakte oder Freundschaften, die von eurer Fanszene aus gepflegt werden?

Wie bereits von euch vermutet, haben wir eine Freundschaft zur aktiven Fanszene von Göttigen 05. Neben den Göttinger*innen haben wir außerdem Kontakt zu vielen Fans verschiedener Vereine. Grundsätzlich sehen wir alle antifaschistischen Fußballfans die Gewalt und das eigene Ultra-Sein reflektieren können als unsere Freunde an, egal welchen Verein sie unterstützen. Besondere Grüße hier an Altona nach Hamburg und Dynamo Windrad nach Kassel.

Bundesweite Aufmerksamkeit habt ihr unter anderem durch eine kreative Aktion erhalten, die auf Energie Cottbus Fans anspielte, die inmitten der Masse mit übergezogenen Ku-Klux-Klan Kapuzen und eindeutigem Banner den »Aufstieg des Bösen« feierten. Bei unseren Lesern erntetet ihr für eure Antwort darauf viel Lob. Wie fielen die Reaktionen aus, die euch diesbezüglich direkt erreicht haben?

Auf der persönlichen Ebene gab es durchweg positives Feedback. Dabei darf man natürlich aber nicht vergessen, dass es auch coole Leute in Cottbus gibt. Grüße gehen hier raus an die Energie-Fans gegen Nazis. Macht weiter und bleibt stark. In Foren und Kommentarspalten wurde die Aktion aber auch häufig negativ bewertet. Besonders die oben bereits beschriebene „Fußball bleibt Fußball…“-Klientel hat sich dabei mit Schwachsinn wie der Gleichsetzung der beiden Aktionen und dem Vorwurf wir würden den Fußball nur für unsere Politik missbrauchen hervorgetan. Wer sich von der Aussage “Kein Fußball den Faschist_Innen” auf den Schlips getreten fühlt, ist ganz bestimmt nicht unpolitisch.

Kommen wir zum großen Nachbarn. Ihr seid als Fanszene eines kleinen Stadtteilvereins aktiv. Wie gestaltet sich das Verhältnis zur Anhängerschaft des dominierenden Hannoverschen Sportvereins von 1896? Gibt es personelle Überschneidungen? Und hegt man Sympathien bzw. Antipathien gegenüber Hannover 96?

Generell haben wir keinen Bock auf Fußball-Mackerei, Gewalt oder diese übertriebene Konkurrenz zwischen Fangruppen. Wir überkleben zum Beispiel auch bewusst keine Aufkleber von anderen Vereinen, außer natürlich bei rechten Gruppen oder Inhalten. Wir haben keine direkten Überschneidungen mit der Fanszene von Hannover 96. Natürlich haben auch einige Leute aus der Fanszene 1907 Sympathien für den HSV. Genau so gibt es immer mal wieder 96-Fans die Spiele auf dem Lindener Berg besuchen. Mit diesen haben wir bisher immer ein super Verhältnis. Auch wenn uns 96 erstmal nicht wirklich interessiert gilt natürlich: Kind muss Weg!

In den letzten Monaten beschrieb ein anonymer Blog namens »Hannoverrechtsaußen« diverse Missstände innerhalb der aktiven Fanszene von Hannover 96. Dabei wurde vor allem eine rechtsoffene bis rechtsradikale Gesinnung von Hooligans und Teilen der Ultràszene angeprangert. Im Zuge dessen soll den »Rising Boys« unter anderem nahegelegt worden sein die Kurve zu verlassen. Inwiefern tangieren euch die Ereignisse im Niedersachsenstadion und habt ihr eine Meinung dazu? Wenn ja, wie sieht diese aus?

Grundsätzlich interessiert uns erstmal nicht, was die Fanszene vom HSV so macht. Die politische Komponente des Ganzen dafür umso mehr. Dies gilt jedoch für alle Fanszenen überall: Wenn Menschen anderen Menschen aufgrund von verschiedenen Lebensweisen den Fußball verbieten wollen, dann können wir das natürlich nicht gut heißen und verurteilen das. Gegen einen derartigen Rechtsruck muss überall vorgegangen werden. Auch in allen anderen Stadien auf der Welt und natürlich auch außerhalb des Fußball-Kosmos.

Nach dem Rückzug besagter antirassistisch positionierter Ultras vermuteten nicht gerade Wenige, dass die »Rising Boys« beim SV Linden 07 eine neue Heimat finden könnten. Außerdem beschrieben Hannoveraner Ultras in einer kürzlichen Ausgabe ihres Kurvenflyers, dass sich Mitglieder der Brigade Nord offenbar schnell an den Lindener Berg gesellten, nachdem es zu einem Teilausschluss der Gruppe aus der Fanszene kam. Was entgegnet ihr solchen Vermutungen und Vorwürfen?

Bisher haben wir keinen Kontakt zu den Rising Boys und es waren auch keine Mitglieder der Gruppe bei Spielen vom SVL anwesend. Das ändert aber nichts daran, dass alle Menschen, die Interesse an Fußball haben und unseren antidiskriminierenden Konsens teilen, stets bei uns Willkommen sind. Die Aussage, dass die Mitglieder der Brigade Nord nach ihrem Ausschluss zu uns nach Linden gekommen sind, ist nicht richtig. Aktuell gibt es genau eine Person mit BN-Background die regelmäßig zum SVL fährt. Diese Person war aber bereits seit 2011 nicht mehr bei 96 unterwegs. Außerdem sind einige wenige Menschen aus dem ehemaligen Umfeld der BN am Lindener Berg aktiv.

Nehmen wir wieder etwas Abstand von 96. Leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass kleine Fanszenen von Amateurvereinen oftmals eine nur sehr geringe Halbwertszeit aufweisen und es schwerfällt langfristig Motivation aufzubringen. Gebt uns doch gerne mal einen Ausblick in die Zukunft eurer Fanszene.

Die meisten von uns sind selbst überrascht, dass es sich so gut entwickelt hat. Aktuell sind wir mit der Entwicklung der Fanszene absolut zufrieden. Die Motivation ist derzeit so hoch wie noch nie und es gibt aktuell auch keinen Grund warum das weniger werden sollte. Im Laufe der Jahre haben wir unseren eigenen Weg entwickelt, wie wir das Fansein ausleben wollen. Wir wollen zum Beispiel nicht nur Standard-Lieder singen, die man in allen Kurven hört. Auch Lieder mit politischen Inhalten sind für uns wichtig. Außerdem wollen wir über den Tellerand des Stadionauftriss blicken, zum Bespiel mit Vorträgen oder anderen Aktionen außerhalb des Platzes. Wir wollen Anlaufpunkt für Menschen sein, die nicht nur Lust auf Fußball haben, sondern auch unsere antifaschistische Einstellung teilen. Unser Fokus liegt weiterhin darauf Spaß mit Freundinnen und Freunden zu haben und uns einen winzigen Freiraum im Arbeits- und Studium-Stress zu erhalten.


Fotos: Korona Photography | Kurvennews am 28.11.2018

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